Trinkwasserhygiene in Zeiten von ENEV und Co

Legionellenprophylaxe in Form der thermische Desinfektion.


Die Erkenntnis aus einer Weiterbildung zu aktuellen Themen rund um die Trinkwasserhygiene ist folgende: 7% eines solchen Vortrages bleiben beim Zuhörer hängen!


Ich versuche jetzt einmal wiederzugeben, was bei mir so „hängen geblieben ist“…

Legionellenprophylaxe und Wärmepumpen

Ein Problem was immer wieder auftritt ist die Warmwasserbereitung bei Wärmepumpenanlagen. Geringe Heizungsvorlauftemperaturen ermöglichen auch nur geringe Warmwassertemperaturen.
Die notwendige Heizleistung für die Legionellenprophylaxe bzw. die thermische Desinfektion und den Warmwasserbetrieb nach DVGW Arbeitsblatt W 551 von 55 °C heißem Wasser im Warmwassersystem und 70 °C heißem Wasser für die Legionellenprophylaxe sind ohne zusätzlich zugeführte Energie hier kaum zu erreichen. Möglich macht dies nur eine weitere Zufuhr von Energie der elektrischen Art und damit die Herabsetzung der Wärmepumpeneffizient in punkto Energieeinsparung.
Hinzu kommt ein weiteres Problem, welches die nach DVGW W551 geforderte Legionellenprophylaxe(in Form der thermischen Desinfektion!) in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt.

Die Überlebensfähigkeit der Legionellen.

In jedem wasserbenetzten System bildet sich ruckzuck ein Biofilm. Kennt eigentlich jeder. Einfach mal mit dem Finger in die Innenseite eines Schlauches oder einer Gießkanne. Schon findet man genügend „Forschungsgrundlagen“….

Dieser Biofilm ist „intelligent und sozial strukturiert!“ Warum?

Legionellen und andere Mikroorganismen sind in suspendierter Form (also inaktiv) und geringer Anzahl immer im Trinkwasser vorhanden.
Solange sie frei im Wasser schwimmen sind sie


„Legionellen, die das erste Mal in einem Sightseeingbus durch die Wasserleitung geführt werden“ (O-Ton Schulungsleiter)


also jungfräulich und ohne böse Absichten und für den Menschen ungefährlich. Man beachte jedoch, diese Bakterien sind unverwüstlich, auch wenn sie tot sind. Sie haben schließlich mehrere Milliarden Jahre Evolution durch ihre Anpassungsfähigkeit überlebt und uns Menschen somit eine ganze Menge voraus.
An der Rohrleitungsinnenwand und sämtlichen wasserbenetzten Bauteilen eines Wassersystems bildet sich also grundsätzlich ein Mikro(bio)film. Dieser Mikrofilm bildet die ideale Grundlage als Nährboden für die „toten“ Keime. Schaffen es die Legionellen sich in diesem Biofilm anzusiedeln (und das ist ihr erklärtes Ziel, denn schließlich wollen auch sie weitere Milliarden Jahre existieren), z.B. bei stehenden Wasser in alten Stichleitungen, bei zu hohen Umgebungstemperaturen oberhalb 25 °C durch schlechte Isolation der Leitungen und Anlagenteile, beginnen sie zu leben.

Nachgewiesener Maßen vermehren sie sich nun nicht nur in kürzester Zeit in exponierter Form, sondern beginnen auch, sich miteinander zu „vernetzen“. Es bilden sich, man glaubt es kaum, „soziale Netzwerke“. Facebook lässt grüßen. Der Informationsaustausch der Legionellen untereinander erfolgt ähnlich dem der Synapsen in unserem Gehirn. Wie funktioniert das Netzwerk? Hier eine Beispielbeschreibung aus der Weiterbildung:
Bei einer Trinkwasserbeprobung der Warmwasserleitung wurden Legionellen in erhöhter Konzentration gefunden. Wo kamen die her? Aus dem Biofilm ausgespült… Was macht man also erstmal? Thermische Desinfektion, schön wie im DVGW Arbeitsblatt W 551 vorgegeben! Dabei fließt 3 Minuten lang mind. 70°C heißes Wasser aus jeder Zapfstelle. Bei 100 Zapfstellen kann das schnell mal ins Geld gehen (Heizenergie und Wasser-/Abwasserkosten!)! Und für eine Wärmepumpe die Herausforderung schlechthin. Denn nur mal nebenbei, woher soll bitteschön soviel heißes Wasser in solchen Mengen herkommen?
Bei der erneuten Beprobung des Wasser wurde festgestellt, dass am Anfang des Wassernetzes die Anzahl der Legionellen tatsächlich abnimmt, jedoch am Ende der Leitung/des Systems wieder zunimmt, obwohl auch hier nachweislich 70°C heißes Wasser ausgeflossen ist. Wie das? Nun ganz einfach. Netzwerk. In Windeseile spricht sich (auch bei den Legionellen) rum, „du pass auf, da wird’s gleich heiß“ und die anderen Legionellen stellen sich drauf ein. Klingt komisch, wurde aber nachgewiesen. Wie gesagt: Jahrmillionen Evolutionsüberlebenskampf. Somit ist es nicht verwunderlich, dass bei der nächsten Beprobung wieder Legionellen in erhöhter Konzentration gefunden werden und das Ganze meist erst ein Ende hat, wenn die chemische Keule geschwungen wird. Die Bedingungen für die Thermische Desinfektion gelten somit nur für die unkonditionierten, toten Legionellen im fließenden Wasser und nicht für jene, die schon „sesshaft“ geworden sind, sich den Umgebungsbedingungen prima angepasst haben und vernetzt sind, also alle die, die im Biofilm leben und überleben.

Wer mehr zu diesem Thema wissen und es etwas ausführlicher und wissenschaftlich fundierter haben möchte, findet etwas unter

Ursachen mikrobieller Kontamination
oder
mikobiologische Kontaminatiom

Mein planerisches Fazit: Beim Einbau einer Wärmepumpenanlage mit Warmwasserbereitung sollte daher überlegt werden, wie man diesem Problem ganz und gar aus dem Weg gehen kann. Dies setzen wir gerade in einem aktuellen Projekt um.
Eine Kontamination von Trinkwassersystemen kann von vorn herein ausgeschlossen werden, wenn mehr Sorgfalt auf Errichtung und Betreibung des Trinkwassersystems gelegt wird.
Bauherr, Betreiber, Planer oder Errichter sind gut beraten folgende Grundsätze im Umgang mit Deutschlands Lebensmittel Nr. 1 zu beachten:

  • eine stillgelegte Trinkwasserleitung sollte nicht zu neuem Leben erweckt werden auch wenn sie von außen noch gut aussieht → hier spart man am falschen Ende
  • bei der Auswahl des Materials für Rohrleitungen und Armaturen für ein Trinkwassernetz sollte eine aktuelle Trinkwasseranalyse herbei gezogen werden → Inhalt und Wirkung des Trinkwasser und die Wechselwirkungen auf Rohrmaterialien →Begünstigung von Ablagerung und Zerstörung der Rohrwände und somit Schaffung eines idealen Lebensraumes für unsere kleinen „Freunde“
  • Rohrleitungen sollten abgepackt und verschlossen auf die Baustelle geliefert und wenn nicht zu vermeiden dort auch so gelagert werden
  • nach Einbau und Fertigmontage des Trinkwassernetzes sollte dies ausreichend gespült und desinfiziert werden → Spülprotokolle der Errichterfirma vorlegen lassen
  • vor Inbetriebnahme muss eine Wasserprobe genommen werden und durch das zuständige Hygieneamt getestet und für unbedenklich erklärt werden → Protokoll abwarten, dann in Betrieb gehen
  • bei der Planung einer neuen Anlage auf das Trinkwasserausdehnungsgefäß verzichten → die Legionellen lieben die innen liegende Gummimembran (wer sagen kann, wozu dieses Ausdehnungsgefäß noch notwendig ist, bitte hier an dieser Stelle 😉 )
  • egal ob Neu- oder Bestandsnetz: Vermeidung von Stichleitungen zu selten genutzten Entnahmestellen → Leitungen „durchschleifen“, Totleitungen einschließlich T-Stück zurück bauen
  • Vermeidung des Einsatzes so genannter bioverwertbarer Materialien wie Gummi, Hanf, Öle oder Fette bei der Montage
  • bestimmungsgemäßer Betrieb von Anlagen → zum Beispiel Planungshinweise und Ausführungsempfehlungen für Reihenduschanlagen
  • Trinkwasser unterliegt der Trinkwasserverordnung → Verordnung=Gesetzmäßigkeit=strafrechtlich relevant DVGW Trinkwasserverordnung 2011

Zu guter Letzt sei noch gesagt, diejenigen die jetzt denken „oh Gott, nie wieder Wasser aus der Leitung trinken“ keine Panik. Wir Menschen haben ein Immunsystem, das auch seit Jahrmillionen Evolution besteht und unser Überleben sichert …

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